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Jugendstil gegen Moderne - Leipzig kämpft

 



Bild: © Wikipedia

Die „Blechbüchse“ war lange Zeit ein Wahrzeichen Leipzigs. Das 1908 erbaute Kaufhaus Brühl soll der Moderne weichen.

Brüger bilden Menschenketten und lassen sich an die Fassade schweißen, um ein Gebäude zu erhalten, das noch nicht unter Denkmalschutz steht, sich aber als bedeutend erwiesen hat.

Das Gebäude ist kein geringeres als das Leipziger Kaufhaus Brühl. Erbaut 1908 und jetzt entdeckt hinter einer Alufassade aus DDR-Zeiten. Ein Essener Unternehmen will es abreißen und durch eine Shopping-Mall ersetzen.

Der Konzern will die leicht beschädigte Fassade im Jugendstil mit Baggern niederreißen. Geplant ist an der Stelle ein Gebäude des Berliner Architekten Grüntuch & Ernst zu errichten. Doch das Projekt wurde gekippt, noch bevor das erste Bauststellenfahrzeug angerückt war.

Der Leipziger Wissenschaftler und Journalist Arnold Bartetzky hatte das Vorhaben und dessen Hintergründe vor zwei Monaten bekannt gemacht. Seither ist die Öffentlichkeit in Aufruhr und gespalten - Hinter den Kulissen ist ein Kulturkampf entbrannt.

Für viele Leipziger Bürger steht ein Stück Identität auf dem Spiel. Es ist ein Phänomen, dem immer mehr Tagungen in immer neuen Diskussionsrunden auf den Grund zu kommen versuchen. Der Begriff „Identität“ ist zu einer immer häufiger gebrauchten Kampfparole im Streit über Stadtplanung und Architektur geworden.

Das Leipziger Beispiel steht für den nationalen Streit über politische, kunstgeschichtliche und emotionale Argumente. Auf der einen Seite steht die jüngste DDR-Moderne, auf der anderen ein Steinmassiv aus königlich-sächsischer Zeit.

Simone Hain, eine auf Ostdeutschland spezialisierte Bauhistorikerin, bescheinigt dem im Volksmund „Blechbüchse“ genannten Bau des Leipzigers Harry Müller „im Spektrum der europäischen Nachkriegsmoderne herausragende architektonische und künstlerische Qualität“.
Sie sieht das 1968 fertiggestellte Haus bereits in der „universellen Traditionslinie einer bewegt plastischen, mit ihrer metallischen Anmutung spielenden Architektur, die von Hans Scharouns Berliner Philharmonie bis zu Frank Gehrys vielbeachtetem Museumsbau in Bilbao reicht.“

Die Anhänger der Jugendstilfassade erkennen hingegen in dem Altbau von 1908 ein „beeindruckendes Zeugnis der Baukultur der aufstrebenden Messemetropole des frühen 20. Jahrhunderts“ aus einer „deutschlandweit nur noch sehr kleinen Gruppe von Kaufhausbauten, die auf die Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg zurückgehen.“
Auch Erich Loest, der Leipziger Schriftsteller, hat sich eingereiht: „Von der alten Steinfassade sollte möglichst viel erhalten bleiben. Was jetzt stürzt, ist für immer verloren.“

Gibt es einen Kompromiss für den Leipziger Streit?
Die Reihen der Ostalgiker beginnen sich langsam zu lichten. Viele von ihnen sind ins andere Lager übergetreten und suchen nach Möglichkeiten, die beiden Identitäten zu vereinen. Den überlegtestden Vorschlag hierzu hat der frühere Planungsdezernent der Stadt, Niels Gormsen, gemacht: Erhaltung des Altbaus mit der Steinfassade und Neuaufbau der Aluminiumfassade am anderen Ende des Komplexes am Hallischen Tor.

Demgegenüber rechnet der Baupraktiker Gormsen vor, dass die Versetzung Fassade ans andere Ende des Gebäudekomplexes keine höheren Kosten verursachen würde, da hinter der Blechhaut ohnehin eine neue Wand errichtet werden muss.

„Man könnte,“ so der 83-Jährige, „an dem sehr großen Komplex drei Architektursprachen ablesen, die im 20. Jahrhundert entstanden sind: die Steinarchitektur des beginnenden Jahrhunderts zwischen Historismus und Reformstil, die Architektur der 1960er Jahre mit der Aluminiumverkleidung, die heutige Architektursprache, die in Ihrem Büro entwickelt wird.“

Solch ein Bau könnte die beiden Leipziger Identitäten versöhnen.

Unsere Kollegin Marie hat einen Zeitstrahl zusammengestellt, der das Gebäude im Laufe der Zeit zeigt:

Ihr könnt ihn hier in voller Ansicht sehen, oder in 2 Teilen (Teil 1 | Teil 2) studieren.
 

    
Anne | 21.07.2010 - 17:07 Uhr    



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